Im bayerischen Hinterschmiding findet die 40. Chor- und Orchesterwoche vom 9. bis 18. Mai statt. Die kleine Gemeinde mit ihren 2 600 Einwohnern ist im Laufe der vergangenen sechzig Jahre zu einem Geheimtipp für Kenner der musikalischen, instrumentalen wie vokalen, Szene geworden.
Über 150 Musik- und Sangesbegeisterte werden mehr als acht Tage das Dorf wieder mit Wohlklängen instrumentaler und vokaler Art erfüllen. Gilt es zunächst das einzigartige Jubiläum zu feiern, erwarten die Fans des Hinterschmidinger Pfingstereignisses zwei attraktive Abschlusskonzerte: am Freitag, 16. Mai, um 19.30 Uhr in der Turnhalle (unter anderem Cellokonzert von Friedrich Gulda) und dann am Samstag, 17. Mai, um 19.30 Uhr in der Pfarrkirche (Joseph Haydn „Die Schöpfung“).
Der Blaskapelle gelangen hervorragende Leistungen
Bereits 1949 kam mit Hans Keim (1914–1979) ein musikalisch äußerst engagierter Lehrer in das damals noch verschlafene Dorf, gründete einen Mädchenchor, der dann im Bayerischen Rundfunk zu hören war und an den „Festlichen Tagen Junger Musik“ 1954 in Passau und an den „Festlichen Tagen Deutscher Jugend“ 1957 in Münster teilnahm. Keim war es auch, der 1950 die ein Jahr zuvor gegründete Blaskapelle übernahm und auch diese zu aufsehenerregenden Leistungen führte. Über den Mädchenchor wurden bayern-, ja bundesweite Kontakte grundgelegt. Die Blaskapelle nahm 1968 am Dritten Internationalen Volkskunstfestival in Oostrozebeke/Belgien teil.
Noch heute prägt die Gemeinde ein reges musikalisches Leben: es gibt zwei Blaskapellen, zwei Männerchöre, zwei Kirchenchöre, drei Kinderchöre, einen Afrika-Chor, eine Saitenmusik. Aber dies existiert in mehr oder weniger ausgeprägter Weise in vielen Dörfern des Bayerischen Waldes. Was jedoch Hinterschmiding auszeichnet, ist die Internationalität und das damit einhergehende Niveau.
Zusammen mit dem 1948 zum Bürgermeister gewählten Josef Stadler machte Hans Keim Hinterschmiding zu einem Ort musikalischer Begegnungen. 1968 fand die, wie sie zunächst noch hieß „Chorwoche“, dann ab 1969 „Chor- und Instrumentalwoche“ erstmals statt. Ab 1969 folgte dann 27mal das „Österliche Musizieren“ mit Fideln, Flöten und Gamben und Instrumentenbau.
Die namhaften Musiker kommen aus vielen Ländern
Namhafte Dirigenten und Dozenten ließen sich alljährlich für Hinterschmiding engagieren: für die Osterwoche der Instrumentenbauer Karl Frank oder die Gamben-Lehrerin Edda Rassow, für die Pfingstwoche der Hamburger Musikerzieher Gottfried Wolters, der Wiener Musikprofessor Erwin Ortner und aktuell der junge Martin August Fuchsberger, ebenfalls aus Wien.
Sie kommen fast aus der ganzen Welt in das schmucke Bayerwalddorf: aus ganz Deutschland, aus Belgien, Holland. Frankreich, Österreich, Italien, seit der „Samtenen Revolution“ 1989 in erfreulich großer Zahl aus Tschechien und dieses Jahr sogar aus Japan.
Aus den österlichen und pfingstlichen Maßnahmen entwickelte sich eine große Zahl weiterer Kontakte zu musikalischen Einrichtungen und Ensembles. Der Arbeitskreis Musik in der Jugend mit Sitz in Wolfenbüttel war von Anfang an der Hauptträger der nunmehr als „Chor- und Orchesterwoche“ bezeichneten pfingstlichen Veranstaltung. Über den AMJ entstanden Kontakte zur Musikalischen Jugend Deutschlands, von da zum Landesjugendorchester Nordrein-Westfalen (seit 1968 fünf Arbeitsphasen im Dorf) und zum Landesjugendorchester Bayern (seit 1993 vier Arbeitsphasen im Dorf). Das Bayerische Landesjugendjazzorchester trainierte hier. Es fanden deutsch-französisch-tschechische Bläserfreizeiten statt – so wurden Kontakte zum Prager Konservatorium geknüpft. Es gastierten exzellente Chöre, wie etwa der Bergleutechor aus Kladno bei Prag.
Zum Selbstläufer wurden über Nordrhein-Westfalen eingefädelte Beziehungen nach Mähren: 1988 weilte der Frauenkammerchor Martinu aus Frydek-Mistek bei Ostrava in Hinterschmiding, ab 1989 mehrmals der Chor der Universität Ostrava und die Kinderchöre Cerveny Kvet und Domino aus Opava.
Ein in kultureller Hinsicht markantes Profil der Festspiele
Diese grenzüberschreitenden Kontakte ins östliche Nachbarland wurden 2000 auf der Templerburg Cejkovice, zwischen Wien und Brünn mit dem Abschluss einer offiziellen Partnerschaft zwischen der Gemeinde Hinterschmiding, der mährischen Gemeinde Belotin und dem Chor der Universität Ostrava gekrönt. Wechselseitige fast jährliche Begegnungen lassen diese Partnerschaft lebendig sein.
Dass Hinterschmiding in kultureller Hinsicht ein so markantes Profil gewonnen hat, ist auf das einmalige Zusammenwirken von Gemeinde, Pfarrei und den örtlichen Vereinen, allen voran dem Musik- und Heimatverein, dem Kulturkreis Freyung-Grafenau und der Katholischen Erwachsenenbildung im Landkreis Freyung-Grafenau zurückzuführen. Wirksame ideelle und finanzielle Unterstützung kommt von Seiten der Euregio Bayerischer Wald-Böhmerwald-Unterer Inn, dem Rotary Club Freyung-Grafenau und dem Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds.
Zurück zur Chor- und Orchesterwoche 2008: Weitere Informationen gibt es auf der Internetseite der Katholischen Erwachsenenbildung in Freyung unter www.keb-freyung.de.
Bilder zur Orchesterwoche in der Bildergalerie