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Die Chorwoche Hinterschmiding feiert 40. Geburtstag, Anni Müller ist seit 40 Jahren dabei - Ausnahmen: Operationen und der Tod der Mutter Mit 87 Jahren bis zum hohen a: „Mit der Stimme hab ich nie Schwierigkeiten gehabt“, sagt die Ruhpoldingerin Anni Müller. Mit über 60 hat die Altistin erfahren, dass sie eigentlich Sopran ist. Seitdem singt sie in Hinterschmiding die höchste Frauenstimme. Foto: Georg Willmerdinger Hinterschmiding ist eine Legende unter den Chorwochen. Anni Müller ist eine Legende von Hinterschmiding. Sie war schon dabei, als sich 1968 im Bayerischen Wald zum ersten Mal Sänger trafen, um eine Woche lang gemeinsam Musik zu machen. Inzwischen hat die Chorwoche 40 Jahre auf dem Buckel, weit über 100 Musiker kommen jährlich zur Pfingstwoche in das kleine Dorf im Landkreis Freyung-Grafenau. Hiesige, Nordlichter, Österreicher, Tschechen, Japaner - und Anni Müller aus Ruhpolding, die im November 88 Jahre alt wird.
Kirchenchor-Austritt wegen der Treppenstufen Nun sind Chorsänger von Natur aus etwas verrückt, wenn es ums Singen geht: Schüler opfern ihre Ferien, Erwachsene opfern den Urlaub, notfalls engagieren sie Kindermädchen, nur um eine Woche lang hart zu arbeiten - oder besser gesagt, um sich ihrer schönsten Sache der Welt hinzugeben. Es müssen schlimme Dinge geschehen, um einen Sänger davon abzuhalten. Für Anni Müller waren es Dinge wie zwei Augenoperationen und der Tod der eigenen Mutter. Die restlichen 37 Mal verbrachte die freundliche Frau mit der klaren Stimme und den hellen blauen Augen ihr Pfingsten in Hinterschmiding. Ein besseres Bild ließe sich gar nicht finden für den gewaltigen Sog, der von dieser Woche ausgeht, die heuer vom 9. bis 18. Mai stattfindet. Anni Müller hat immer gesungen. 1937 zum Beispiel, als sie aus dem Chor des Mädchen-Lyceums Regensburg ausgewählt wurde, um mit den Domspatzen in der Walhalla Anton Bruckners „Te Deum“ zu singen, als dort dessen Büste aufgestellt wurde. Nach einer Anstellung bei der IHK in Regensburg erfüllte sie sich vor 52 Jahren ihren Mädchenwunsch: Sie wurde Volksschullehrerin und zog in die Berge. Jahrzehntelang sang sie in Ruhpolding im Kirchenchor. „Mit 85 hab ich aufgehört“, sagt sie. Weil die Stimme nachließ? „Weil ich die 50 Stufen zur Empore nicht mehr gehen wollte.“ Heute singt Anni Müller - außer in Hinterschmiding - nicht mehr, dafür hört sie noch immer gerne Musik. Klassik und Volksmusik, „echte Volksmusik, ned so a Gsangl!“ Wer die Stimme gut halten kann, landet im Kirchenchor gern im tieferen Alt. Anni Müller kann die Stimme halten, auch heute noch. Entsprechend groß war ihre Überraschung, als ihr mit über 60 Jahren bei der Einzelstimmbildung auf einer Chorwoche gesagt wurde: „Sie sind Sopran!“ In Ruhpolding blieb sie dem Alt treu, in Hinterschmiding singt sie seitdem Sopran. Mit 87 Jahren. „Ich plärr ja nicht rein“, sagt sie. „Mit der Stimme hab ich nie Schwierigkeiten gehabt. Durch das stundenlange Singen bin ich letztes Jahr bis zum hohen a gekommen. Ich hoff, dass mir das heuer auch wieder gelingt. Wenn ned, dann bin ich halt staad und les die Noten mit. Hauptsache, ich bin dabei.“ Andere Sänger werden in ihrem Alter von den Chorleitern mehr oder weniger dezent in den Ruhestand befördert, um den Gesamtklang vor Gekrächze zu schonen. „Bei Frau Müller war das nie
Der Sohn des Dirigenten nennt sie „Oma 3“ der Fall“, sagt dagegen Martin August Fuchsberger, seit 2006 künstlerischer Leiter der Chor- und Orchesterwoche. „Sie hat immer sehr gut gesungen. Außerdem bringt sie eine gute Energie mit in die Woche - ein ganz lieber Mensch und ganz wertvoll für uns.“ Fuchsberger, selber erst 27 Jahre alt, hat es geschafft, viele jüngere Musiker für Hinterschmiding zu begeistern, ohne die älteren zu verlieren. „Ich hab zu den Jungen immer einen guten Kontakt gehabt“, erzählt Anni Müller und fügt lachend an: „Es gibt zwar immer ein paar, die ein bissl eingebildet sind, aber letztes Jahr hat ein Mädl zu mir gesagt: Stimmt das, dass du schon so alt bist? Das war nicht beleidigend gemeint, sondern im Gegenteil.“ Den Ort Hinterschmiding kennt die Sängerin besser als mancher Einheimische: Bei ihrem ersten Besuch dort stand noch die alte Kirche, in ihrer immer gleichen Herberge sieht sie inzwischen die fünfte Generation aufwachsen, im Wirtshaus und auf der Straße wird sie als quasi Ehren-Hinterschmidingerin geduzt, für einen Sohn des langjährigen Leiters Erwin Ortner wurde sie über die Jahre zur „Oma 3“. „Hinterschmiding ist für mich ein Stückl Heimat.“ Manchmal schlägt die unverheiratete Anni Müller zu Hause in Ruhpolding ihre Ordner auf: 40 Jahre Erinnerungen. Teilnehmerlisten, Konzertprogramme, Bilder. „Ich hab viel inneren Reichtum gesammelt in den Wochen. Und ich bin dankbar, dass ich diesen Zusammenhalt hab erleben dürfen.“ Der Grund für 40 Jahre Treue: „Am Ende ist es die Musik. Das Abschlusskonzert sing ich heuer aber gar nicht mehr mit. Ich kann nicht mehr so lang stehen.“ Auftritte hat sie genug erlebt. Nur beim Singen gibt es kein Genug. Raimund Meisenberger
DIE KONZERTE Weltliches Konzert u. a. mit Friedrich Guldas Cellokonzert am 16. Mai, 19.30 Uhr Turnhalle Hinterschmiding. Geistliches Konzert mit Joseph Haydns Schöpfung am 17. Mai, 19.30 Uhr, Pfarrkirche.
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