Eine brandheiße Mutprobe Beim Lauf über glühende Kohlen siegt der Wille über die Vernunft. PNP-Volontär Roland Mitterbauer hat den Selbstversuch gewagt.

Das Anzünden des Birkenholzes hatte auch symbolischen Charakter: Mit dem Holz verbrannten die Teilnehmer ihre negativen Glaubenssätze und fassten neue Ziele für die Zukunft. Mitterbauer/Weidinger
Es nieselt. Das Gras ist feucht, die Erde ist kalt. Ich stehe barfuß in einer Wiese in Hinterschmiding (Lkr. Freyung-Grafenau), vor mir zischt es. Feinste Regentropfen rieseln auf die glühende Holzkohle nieder, die auf einer gut drei Meter langen Bahn ausgebreitet ist. 800 Grad ist die Glut der Birken heiß - und ich soll gleich darüber hinweggehen.
Bis zu diesem Augenblick war es am vergangenen Samstag ein weiter Weg. 30 Mitarbeiter und Geschäftspartner der TOHA Automobil-Vertriebs GmbH hatten sich schon mittags zu den Vorbereitungen getroffen. Der Geist will trainiert sein für einen Feuerlauf, der schließlich nicht ungefährlich ist: Bevor Seminarleiter Thorsten Schirok beginnt, müssen die Teilnehmer unterschreiben, dass sie auf ihre Haftungsansprüche verzichten. Ermutigend ist das für mich nicht, zumal ich vorher gelesen habe, dass manche sich beim Feuerlaufen schon ordentlich verbrannt haben. In einigen Glaubensgemeinschaften ist das Feuerlaufritual seit alter Zeit bekannt - uns soll es heute motivieren, unsere Ziele zu verfolgen.

Teamgeist war beim Stapeln des Holzhaufens gefragt. Feuerlauf-Lehrer Thorsten Schirok (links) koordinierte die Gruppe.
Ich zögere kurz und frage Andreas, den Assistenten, ob das denn gefährlich sei. „Wenn dir kurz davor dein Bauchgefühl sagt, du schaffst es, dann schaffst du es auch. Wenn nicht, dann läufst du auch nicht“, sagt er. Einen verwirrten Blick später unterschreibe ich - unter Anleitung kann ich es ja mal versuchen. Die folgenden Stunden füllt Thorsten Schirok mit der Geschichte zum Feuerlauf und Theorien zur menschlichen Psyche. Mit seiner ruhigen, fast hypnotisierenden Stimme beschreibt er seine Erfahrungen aus sechs Jahren als Feuerlauf-Lehrer. Er berichtet von wissenschaftlichen Studien, die die Macht der Gedanken belegen sollen. „Wir haben großen Einfluss und unterschätzen uns zu oft“, sagt er. Der Mensch könne die Welt mit dem Geist kreieren. Deshalb sei es nötig, negative Glaubenssätze abzubauen und positive zu formulieren. „Das hilft sogar bei der Parkplatzsuche“, ist Schirok überzeugt. Spätestens jetzt können sich einige Teilnehmer das Schmunzeln nicht mehr verkneifen. In der Pause sehe ich mir den Holzstapel auf der Wiese an: Ganz normales Birkenholz, große und kleine Scheite, trockene und feuchte. „Was wird wohl der Trick sein?“, frage ich mich. „Es gibt keinen“, sagt Schirok. Ich suche weiter und bleibe aufmerksam. Nun geht es endlich zur Sache: Praktische Übungen stehen an. Es wird Vertrauen unter den Teilnehmern aufgebaut. „Die Gruppe soll euch später über das Feuer tragen“, erklärt der Seminarleiter. Kurz darauf ist Generalprobe: Ich stehe auf einem 1,5 Meter hohen Podest und soll mich rückwärts fallen lassen. Augen zu und durch - tatsächlich fängt mich die Gruppe. Jeder ist mal dran. Das Adrenalin sorgt für Euphorie, die Teilnehmer sind gut drauf. Der Teamgeist ist geweckt.
 |  | Die glühenden Kohlen waren heiß: Teilnehmer Jan Presotto und...
| ... Volontär Roland Mitterbauer wagten den Gang durchs Feuer.
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Dann wird es finster. Zeit, das Feuer zu entfachen. Gemeinsam wird das Birkenholz gestapelt. Jeder soll ein Scheit dazulegen und das Holz spüren, das in wenigen Stunden als glühende Kohle vor seinen Füßen liegt. Jeder schüttet etwas Pflanzenöl hinzu und steckt seine auf Papier geschriebenen negativen Glaubenssätze in den Haufen. Die Teilnehmer zünden den Holzstapel an. Trotz des Regens greift das Feuer schnell um sich. Es ist heiß wie ein kleines Sonnwendfeuer, ich muss einen Meter Abstand halten. Eine letzte Übung, ein letzter Putsch, bevor es ernst wird: Thorsten Schirok legt Pfeile auf den Boden. Die Teilnehmer sollen sich bedienen. Schirok wählt einen Mann aus dem Publikum aus, er soll ein Holzbrett halten. Der Lehrer spannt den Pfeil zwischen dem Holzbrett und seinem Hals ein, die Metallspitze an seine Kehle gedrückt. Er atmet dreimal tief durch, macht einen Schritt auf das Holzbrett zu - und der Pfeil zerbricht.
Noch eine Überwindung, bevor es ernst wird Jetzt nimmt Schirok das Holzbrett und die Gruppe ist an der Reihe. „Füße verbrennen ist in Ordnung, aber mich selbst aufspießen?“, denke ich und warte ab. Ein Teilnehmer nach dem anderen traut sich und zerbricht seinen Pfeil. Ich sehe mir meinen Pfeil ganz genau an - und finde keine Soll-Bruchstelle. Fast als Letzter vertraue ich dann auf die Statistik: „Wenn jetzt noch nichts passiert ist, dann werde ich auch erfolgreich sein.“ Es klappt. Zwar spüre ich einen Tag später noch die Pfeilspitze an meinem Hals, aber ich bin um ein Erlebnis reicher. Den Trick dahinter durchschaue ich nicht. Der Holzstapel ist inzwischen abgebrannt, gemeinsam wird die glühende Kohle auf eine Bahn verteilt. Niemand soll später sagen können, dass es nicht heiß war: Der glühende Aufsatz des Rechens löst sich vom Stiel. Die letzten Minuten vor dem Feuerlauf bilden sich kleine Grüppchen. Wir sprechen über unsere größten Ängste, Wünsche und Ziele. Fremde werden zu Vertrauten. „Für eure größten Ziele werdet ihr nun durchs Feuer gehen“, sagt Schirok. Niemand wird dazu gezwungen oder überredet, jeder soll spontan entscheiden. Die Fokussierung auf ein bestimmtes Ziel solle dabei helfen, nicht an die Schmerzen zu denken, erklärt der Seminarleiter. Es ist 22.30 Uhr. Über zehn Stunden Vorbereitung sind vergangen. Meine Stimme der Vernunft schweigt, mein Bauchgefühl entscheidet. Jetzt gehe ich für Familie und Beruf über glühende Kohlen. Und ich spüre keinen Schmerz. Fast alle Teilnehmer gehen zügig über den Glutteppich, manche sogar mehrmals. An Tricks oder wissenschaftliche Erklärungen, die es durchaus dafür gibt, denkt gerade niemand mehr. Dass die Glut von Birkenholz im Vergleich zu anderen Holzarten relativ kühl ist, der Boden feucht und kalt, die Füße aufgeweicht sind, spielt keine Rolle. Der Glaube versetzt Berge und motivierte Menschen können Dinge erreichen, die sie zuvor nicht zu träumen gewagt hätten.
Dem Autor Roland Mitterbauer, PNP-Volontär in der Online-Redaktion, blieben vom Feuerlauf positive Eindrücke - und eine kleine Brandblase. Trotzdem rät er davon ab, diese Versuche alleine und ohne Anleitung nachzumachen. |